Kerstin Jung

Die Wegbegleiterin für Tiere und ihre Menschen

Gras unter Stress ist nicht gut für unsere Pferde

Pferde sind mit ihrem genetischen Ursprung verbunden. Sie kommen aus kargen Gebieten, Steppen- und Wüstenlandschaften. Ihre Verdauung und die Mikroorganismen in ihrem Darm, die ihnen ihren Hauptnährstoff Cellulose aus Gras und Heu mit etwas Lignin aus Stroh und Ästen und Zweigen aufschließen, ist daran angepasst.

Die Weiden, die wir im Durchschnitt in Deutschland finden sind hochkalorisch, weil es einfach viel Nutzviehhaltung gab und gibt, d.h. Kühe brauchen sehr viel energiereiches Futter, um zusätzlich zur Erhaltung auch noch Milch zu produzieren. Allgemein sind Wiederkäuer weniger empfindlich mit Futtermitteln.

Die Verdauung unserer Pferde hingegen ist eine hochempfindliche Angelegenheit. Gras wird je besser je mehr es aufwachsen und blühen durfte. Deshalb wird Heu immer in Richtung der Blüte geschnitten. Dann gibt es viele Stängel und weniger Blätter. und deshalb kauft man auch den zweiten Heuschnitt nicht so gerne (auch Grummet) genannt. Gras blüht irgendwann Ende Mai / Anfang Juni. Dann wird Heu gemacht. Danach wächst das Gras natürlich weiter und im besten Fall so ausreichend, dass noch einmal geerntet werden kann. Häufig kommt das Gras aber hier dann zeitlich nicht mehr bis zur Blüte, sprich dieses Heu ist blattreicher als der erste Schnitt und damit auch energiereicher. Je näher unser Pferd am Steppen- und Halbwüsten-Typ ist (Kaltblüter, Ponies, Gebirgs- und Inselrassen, Andalusier, Spanier, PRE, …) und je weniger es macht (aus Zeit- oder Krankheitsgründen), um so problematischer ist das für seine Verdauung und seinen Stoffwechsel. Das Warmblut und Sportpferdetypen haben durch ihre meist höhere sportliche Auslastung und durch einen nicht so sensiblen Stoffwechsel meist weniger Probleme. Besonders schwierig ist das Anweiden für alle Pferde, die bereits Verdauungs- und / oder Stoffwechselprobleme (wie Rehe oder Reherisiko, EMS, uä) haben. Eigentlich sollten diese zur Beruhigung des Verdauungssystems und zum Schutz des Stoffwechsels gar nicht auf Frühjahrsweiden, manchmal sogar ein zwei Jahre gar nicht auf die Weide. Das ist natürlich für Mensch und Pferd kaum auszuhalten. Hier empfehle ich immer einen guten Mittelweg zu finden (und sich damit abzufinden, dass das einen negativen Effekt auf die therapeutischen Bemühungen hat…). 

Das Gras im Frühjahr ist nun mit dem Wachstumsstart nach dem Winter beschäftigt, bildet viele Blätter aus, macht ordentlich Photosynthese, um genug Energie für das Blühen zu haben. Vor der Blüte lagert Gras die als Moleküle gebildeten Speicherstoffe ein. Und nun kommen wir und wollen oder müssen unsere Pferde anweiden, weil dann bald die Weidesaison losgeht… 

Die Pferde würden auch nichts lieber machen als jetzt direkt auf das frische süssliche Gras und nicht mehr aufhören zu fressen. Das ist für sie so gesund, wie für uns nur Fast Food… Auch Pferde bleiben von Wohlstandskrankheiten genauso wenig verschont wie wir (zu viel zu reichhaltiges Futter (eben häufig nicht nur Heu, Wasser, Salz, Mineralien)). Von daher liegt die Kontrolle über ein gesundes Anweiden bei uns.

Das langsame Anweiden dient der Gewöhnung der Darm-Mikroorganismen an eine geänderte Zusammensetzung des Futters. Frisches Gras kommt zu Heu und Stroh und was es sonst noch gab hinzu. Damit verschiebt sich die Zusammensetzung der Mikroorganismen-Population von den Cellulose-Faser-Verarbeitern hin zu den Eiweiß- und Fruktanverarbeitern. Um diesen Übergang möglichst reibungslos zu gestalten, wird daher die Weidezeit schrittweise erhöht und ein gutes Augenmerk auf negative Reaktionen der Verdauung und des Stoffwechsels (Durchfall. Koliken, Blähungen, fühliges Gehen, …) gehalten. Je höher das Grad bereits aufwachsen konnte, um so rohfaserreicher und eiweißärmer ist es. Vor dem Anweiden ist es ratsam, dass die Pferde sich bereits an Heu satt fressen konnten bzw. Heu satt zur Verfügung haben und so nicht „hungrig“ auf das Gras gehen. Da Pferde ihre Fressgeschwindigkeit von Gras um das Vierfache erhöhen können (dann können sie in 10 Minuten in etwa die Grasmenge von 40 Minuten Weidezeit fressen), mag auch eine Fressbremse am Anfang hilfreich sein. 

Fruktan ist ein Speicherkohlenhydrat für das Gras. Immer wenn Gras Stress hat (zu kalt, zu sonnig, zu trocken sowie Überweidung / bis auf die Graswurzeln abgeweidete Weiden) und die Energie aus der Fotosynthese nicht in Wachstum umsetzen kann, speichert es Fruktan. Ich habe euch hier eine Grafik erstellt, die ihr als Anhaltspunkt für das Anweiden und Weidezeiten verwenden könnt.

 

Und es wird sie immer geben, die Pferde, die irgendwann zwischen März und April direkt halbtags auf die Weide kommen und es sich schmecken lassen und nicht das kleinste Problem damit haben… Wenn das auf dein Pferd zutrifft, gut, sei trotzdem wachsam bei leichten Fühligkeiten… Und wenn nicht, dann willkommen im Club 😉

 

Wenn du noch mehr Wissen möchtest über die Fütterung und dein Pferd im Allgemeinen, melde dich sehr gerne für eine Beratung über mein Kontaktformular oder schau einmal auf meiner Mehr-Wissen-über-Tiere-Vorlesungs-Seite vorbei. Hier kannst du dich für eine Vorlesungsreihe rund ums Pferd anmelden, die neben Fütterung noch weitere wichtige Themen rund ums Pferd behandelt.

 

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